Kritik an Superjet angebracht?

Bild: AFP/Indonesian Air Force

Mittlerweile haben es wohl alle mitbekommen: Ein Flugzeug ist abgestürzt. Oder wie unsere Zeitungen es nannten: „Absturz aus hochfliegenden Träumen“, „Zerschellte Hoffnung der russischen Luftfahrt“ oder „Russlands Prestigeobjekt zerschellt an Vulkan“. Geht es um Russland, reicht eine neutralere Überschrift wohl nicht mehr aus. Die New York Times macht es richtig: „New Russian Aircraft Crashes During a Promotional Flight in Indonesia“.

Ich möchte das Desaster nicht herunterspielen, aber es ist nicht gefährdend für das Image Russlands oder die Zukunft Russlands als Nation. Es ist ein Flugzeugabsturz, ja. Es ist ein Flugzeugabsturz bei einem PR-Flug gewesen, ja. Es ist peinlich für Suchoi, ja. Aber wir sollten nicht Vermutungen über die Zukunft des Jets anstellen, wenn es höchstwahrscheinlich ein Pilotenfehler war und nichts mit dem Flugzeug zu tun hat.

Insofern finde ich es empörend, dass SPON in seinem Artikel eine Verbindung zum „Tag des Sieges“ zieht.

Das Unglück geschah ausgerechnet am „Tag des Sieges“. An dem Feiertag gedenkt Russland des Sieges über Hitlerdeutschland. In Moskau marschierten 14.000 Soldaten bei der traditionellen Militärparade am Kreml vorbei. Mit modernen Raketensystemen, die über den Roten Platz rollten, wollte die Führung demonstrieren: Das Land ist militärisch und technologisch immer noch eine Großmacht.

Der Absturz ist ein schwerer Schlag für das prestigeträchtigste Industrieprojekt von Präsident Wladimir Putin, der am Montag triumphal in den Kreml zurückgekehrt war. Vielleicht ist es sogar ein vernichtender Schlag für das ambitionierte Superjet-Projekt.

Es war doch nur ein Zufall. Keiner wird Russland dafür auslachen, dass an eben diesem Tag ihr Superjet abgestürzt ist. Die Wahrscheinlichkeit ist immer 1:365.

Auch wenn es nahe liegt, bei einem Flugzeugabsturz technische Probleme zu vermuten, ist es erstaunlich, wie selbstverständlich dies geschieht, wenn ein russisches Flugzeug involviert ist. Bei der Kollision in Überlingen waren sofort die Russen schuld und beim Superjet reden jetzt alle über die „Produktionsprobleme“.

Ich möchte doch mal fragen: Wer hat denn bitte keine Produktionsprobleme? Beim A380 sind Risse im Flügel und die Schlagzeile heißt nicht „Zukunft des Riesenvogels in Gefahr“, sondern „A380: Risse im Flügel“. Die 787 und die 747-8 kommen beide drei Jahre zu spät. Grund: Produktionsprobleme. Was hat das bitte mit dem Absturz zu tun? Nichts.

Die SZ erwähnt das deutsche Flugsteuerungssystem im Superjet. Ist das nicht das wichtigste Instrument, wenn es um einen Absturz eines Flugzeugs geht? Ja. Aber die SZ schließt dies von vorneherein aus und schreibt dagegen über mehrere Fahrwerksprobleme, die am Superjet aufgetreten sind. Liebe Süddeutsche Zeitung, das Fahrwerk hat hundertprozentig nichts damit zu tun, dass das Flugzeug gegen einen Berg geflogen ist.

Die FAZ hingegen versucht, China mit in den Schlamassel hineinzuziehen.

Und vor genau einem Jahr war ebenfalls in Indonesien schon eine in China gebaute MA 60 abgestürzt; alle 25 Insassen verloren ihr Leben.

Ich möchte anmerken, dass das überhaupt nichts mit dem Absturz zu tun hat und auch nicht relevant ist. Außerdem: „In China gebaut“ ist nichts negatives. Airbus A320 werden in China gebaut und keiner zweifelt an deren Flugsicherheit.

Wenn wir schon über die A320 reden, ein großes Lob an die New York Times. In Deutschland hat nämlich keiner erwähnt, dass 1988 im Rahmen von Air-France-Flug 296 ein Airbus A320 abgestürzt ist. Das ist insofern relevanter als ein chinesisches Flugzeug, das vor einem Jahr in Indonesien abgestürzt ist oder ein nationaler Feiertag in Russland, als dass dieser Flug ebenfalls im Rahmen einer Flugschau einen Flughafen überfliegen sollte und dann im dahinterliegenden Wald abgestürzt ist. Es war ebenfalls ein neues Flugzeug mit neuester Technik auf einem PR-Flug.

Aber natürlich: Hätte man das erwähnt, wäre der Absturz des Suchoi Superjets 100 nicht mehr das einzigartige PR-Desaster, das nur Russland passieren konnte.

Update: In einem neueren SPON-Artikel hat Der Spiegel seinen fehler korrigiert und sowohl den Titel mit „Rückschlag für den Superjet“ neutraler gestaltet als auch AF 296 erwähnt:

Der Absturz in Indonesien sei zwar ein herber Schlag für das Image des Herstellers, sagt Großbongardt, weil das Unglück den Eindruck erwecke, Suchoi habe Probleme mit der Sicherheit seines Jets. Dieser Eindruck sei aber falsch: „Das Flugzeug fliegt ja schon im Liniendienst, das Modell dürfte weitgehend ausgereift sein.“ Eine wirklich gute Maschine werde durch solch ein Unglück nicht in Verruf geraten, wie Airbus in den achtziger Jahren bewiesen hat.

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