Digg – Ground Zero

Erinnert ihr Euch an Digg? Eine kurze Erinnerung: Digg war der erfolgreichste Social-News-Aggregator seiner Zeit. „Digg It!“-Buttons waren überall dort, wo heute Facebook-Like-Buttons sind. Um lustige Geschichten und Katzen-GIFs zu entdecken, ging man zu Digg. Dann kam 2010 ein großes Redesign, das den Fokus Diggs weg von der Community, hin zu den großen Medien-Publishern und die Community ging zu Reddit.

Das große Redesign „Diggv4“ (Bild oben) hat ausschlaggebend dazu beigetragen, dass Diggs Firmenwert von 200 Millionen Dollar (2008) schließlich zu insgesamt 16,5 Millionen Dollar (2012) beim schlussendlichen Verkauf schrumpfte. Davon entfallen 12 Millionen auf die Mitarbeiter Diggs, die die Washington Post einstellte, 4 Millionen auf Patente, die an Linkedin gingen und lediglich 0,5 Millionen auf die Marke, die Website und die Technik.

Betaworks, der neue Besitzer der Website „Digg“, löschte kurzerhand den kompletten Code und baute in nur sechs Wochen mit neuen Mitarbeitern ein neues Digg auf, das zum 1. August 2012 startete.

Diese Geschichte erinnert in gewisser Weise an das World Trade Center: Die einst höchsten Gebäude New Yorks wurden in einem Tag völlig zerstört, genauso wie Digg mit seinem Redesign implodiert ist. Darauf folgte ein Neustart. Digg erfand sich in einer Rekordzeit von sechs Wochen selbst neu, das 1 WTC wird mindestens acht Jahre bis zu seiner Fertigstellung brauchen.

Wird eine komplett neue Website mit einem Namen, der für völliges Scheitern steht, erfolgreich sein?

Das hängt von der Reaktion der wichtigen Community sein – und die gibt Hoffnung. Zwar liest man in den Kommentaren überwiegend Spott über die neue Seite, doch dieser Spott bezieht sich nicht auf das neue, bilder-zentrische Design, die jetzt redaktionell betreut wird oder den neuen „Digg-Score“, der jetzt auch Facebook-Likes und Tweets berücksichtigt, sondern auf fehlende Funktionen: Die noch fehlende Kommentarfunktion und die dadurch völlige Vernachlässigung der doch so wichtigen Community und der oft kritisierte Komplett-Reset, der alle vorherigen 14 Millionen Digg-Links gelöscht hat und die vielen Diskussionen und Benutzeraccounts, die jetzt nicht mehr zugänglich sind.

Die Hoffnung ruht jetzt also auf digg v2.

Doch Betaworks hat bereits Abhilfe versprochen: Es wird jetzt an einer guten Kommentarfunktion gearbeitet. Etwas, was das neue Team in den vergangenen sechs Wochen nicht geschafft hat. Auch das riesige Digg-Archiv soll bald wiederhergestellt werden. Die Hoffnung ruht jetzt also auf digg v2.

Sehr umstritten ist ebenfalls der erzwungene Login über Facebook. Mit einem Facebook-Login kann man sich gehörig in den Fuß schießen: Als Spotify vor kurzem in Deutschland startete, musste man sich ebenfalls über Facebook anmelden. Während es bei Spotify eine reine Werbepartnerschaft ist und deshalb zurecht Kritik aufkam, spricht Betaworks von einem echten Zweck. Facebook dient als kurzfristiger Spamfilter, bis Betaworks einen eigenen Spamfilter errichten kann. Bis das geschehen ist, vertraut Betaworks der fehlenden Anonymität, um Spammer abzuwehren. Es funktioniert: Spammer sind sauer.

Durch den Erfolg des neuen Designs kommt bei mir wieder Hoffnung auf: Ich möchte endlich wieder einen Social-News-Aggregator mit einem schönen Design. Eine Art Pinterest für kuriose Nachrichten. Man kann Reddit entweder lieben oder hassen. Es gibt Hardcore-Fans die das textbasierte Durcheinander auf der Startseite lieben; ich gehöre nicht dazu. Und deswegen gefällt mir das neue Digg: Es sind schöne Geschichten, gut aufbereitet.

Eins macht mir jedoch trotzdem noch sorgen: Das Versprechen Diggs, keine Werbung oder Sponsoren zu akzeptieren. Natürlich ist das gut für den Endnutzer, doch die Taktik momentan ist es, die „Kosten niedrig zu halten, abzuwarten und ein Geschäftsmodell zu suchen.“ Das kann in die Hose gehen. Aber ich bleibe optimistisch.

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